Verfasst von: weltensehen | 8. Januar 2009

Im Koenigreich

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(Katrin) Der naechste Morgen fuehrt uns ins einige Autostunden entfernte Koenigreich Sukur, einziges UNESCO-Weltkulutrerbe Nigerias. Ein ramponiertes Tor neben der Hauptstrasse laesst uns ein, nach 20 Minuten Staubpiste finden wir den Dorfchef, der uns den Namen des Fuehrers nennt, der wiederum eine Ortschaft weiter wohnt. Auf steinigem Pfad stapft er uns durch eine karge Landschaft schmaler Terassen voran, auf denen vertrocknete Hirsestengel stehen. Der Anstieg ist steil, die Sonne macht ihn steiler, der Blick in die Ferne wird vom Harmattan vernebelt. Nach anderthalb Stunden erreichen wir das Dorf, wo uns der Dorfkoenig in Badeschlappen und in zerrissenden Kleidern schlurfend entgegentritt, im Schatten eine kurze Audienz gewaehrt, die formelhaft von Reden unserer Fuehrers eingemurmelt wird. Wir betreten schliesslich das Palastgebiet des Koenigs, das sich in seiner Bauweise – runde Lehmhuetten mit Strohdach und begrenzenden Steinmauern – kaum von den uebrigen Huetten unterscheidet. Ein heiliger Stein, der nicht beruehrt werden darf, ein Tor, durch das der Koenig nach seiner Initiation hinein und erst nach seinem Tod wieder hinaustreten darf, die runde Initiationshuette. Auf dem Platz fuer die Taenze eine Horde Kinder, Fliegen im Gesicht, befremdete, scheue, ausweichende Gesichter, wer sich traut, beruehrt unsere weissen Haende, als wir gehen, winken sie lange – bis wir nicht mehr zu sehen sind.

Verfasst von: weltensehen | 8. Januar 2009

Muchalla

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(Katrin) Ueber Pisten und durch eine Furt fahren wir am ersten Feiertag nach Muchallah zum Weihnachtsgottesdienst. Das Heimatdorf von Daniel, der das Programm leitet, fuer das unsere Freunde arbeiten, liegt abseits am Fuss der Berge, wo die Landschaft gruen und fruchtbar wird. Wir muessen bei den Dorfaeltesten auf Plastikstuehlen vorne in der Kirche sitzen, die Band droehnt, dass wir uns Klopapier in die Ohren stopfen, der Gottesdienst ist eine einzige Party aus Tanzen, Stampfen, Trommeln, einer gebruellten Predigt und einem Weihnachtssketch auf Hausa: Es geht um die gottlose Jugend. Die Kinder unserer Freunde geben uns Gelegenheit, ab und zu den Raum zu verlassen, vor der Kirche lungern an die 50 Jugendliche mit ihren Motorraedern, alte Maenner sitzen im Schatten verstaubter Niembaeume, Muetter mit ihren Babies auf dem Ruecken stehen tanzend in einer Schlange vor dem Haupteingang, ueberall Gewusel und Geplapper, aus der Kirche plaerrt die Musik. Wir werden bestaunt, beguckt, begafft, nach mehr als drei Stunden ist der Gottesdienst ploetzlich aus, die Leute stroemen aus der Kirche, wir haben das Ende gar nicht mitbekommen.

Unter grossen Baeumen essen wir als Ehrengaeste von Plastiktellern Reis mit Sosse, fahren zu Tomatenfeldern und Zuckerrohrplantagen. Der alte Peugeot 405 hat drei Sitzbaenke, das reicht fuer 11 Leute und Gepaeck, hinten sitzen wir genau auf der Achse quasi im Kofferraum. Bei jeder Bodenwelle huepfen wir an die Decke, das frisch geschlagene Zuckerrohr klappert und die Tomaten kullern durch die Gegend. Beim Gasgeben stinkts furchtbar nach Benzin, doch der Charme des Autos ueberwiegt. Geraedert steigen wir am Abend aus, wieder eine neue Welt kennen gelernt, eine Tuer ist endgueltig verklemmt, wir quetschen uns alle auf der anderen Seite aus dem Wagen.

Verfasst von: weltensehen | 2. Januar 2009

Weihnachten

Weihnachten
24.12.
k1024_p10900651(Katrin und Stanislaus) Die Kuh liegt im Blut. Tagelang war sie ueber das Gelaende gelaufen, hatte Jans Anpflanzungen abgefressen, Streit ausgeloest und war davon doch nicht fetter geworden. Nun liegt sie, in der Mitte zerteilt auf einer aus Plastiksaecken zusammengenaehten Unterlage im Waeldchen und wird von zwei Metzgern mit Aexten und Messern zerlegt. Ich staune, wie riesig der Kuhmagen ist, den ein Mann kaum herausheben kann und dessen Inhalt sicher noch fuer viele Tage den Hunger haette stillen koennen. Um die Kuh herum stehen ihre Besitzer und die Kinder des Compounds und feixen, am Ende gibt es fuer die neun Parteien, die sich das Tier zum Fest anschafften, je ein Haufen: Alles, Haut und Hufe, Gedaerme und Druesen, selbst die Augen werden gerecht verteilt und in mitgebrachten Plastiksaecken nach Hause getragen. Alles was uebrigbleibt sind die Hoerner, verbunden mit einem kleinen Stueck Stirnplatte. Mitten in die Verteilung platzt der Fahrer, wir muessen sofort aufbrechen, es gebe Diesel in der Stadt und er sei billig. Mit dem 35 Jahre alten Peugeot brechen wir auf, 500 Liter Diesel kaufen wir, dass genuegt, um den Generator fuer ein paar Monate abends laufen zu lassen. Als wir am Nachmittag in die Stadt sehen, sind die Schlangen vor den Zapfsaeulen lang, der Sprit ist aus.

k1024_p10806481Wir schmuecken am Nachmittag einen abgehackten Strauch mit Sternen aus Butterpapier, weil es kein schoenes Papier zu kaufen gibt, backen Plaetzchen mit aus Kamerun importierter Butter und pfropfen Kerzen auf leere Malzbierflaschen, denn Alkohol ist auf dem Compound der Kirche strikt verboten. Einen Weihnachtswein aus Kamerun schmuggeln wir natuerlich ein, Stanislaus baut im leeren Kamin eine Krippe aus Steinen und Graesern, ein Weihnachtszimmer entsteht hinter der hochgestellten Matratze, hinter der die Kinder erst quengelnd, dann neugierig warten und zu spicken versuchen. Der Weihnachtsbraten ist eine Ente, die zuvor den Garten bewohnte, wir singen lang, lesen die Weihnachtsgeschichte und packen ein paar Geschenke aus.

Abends in der Christmette ist unter den 1000 Menschen nur noch ein anderer weiss: Jesus am Kreuz. Der Gottesdienst ist langatmig wie so oft in Nigeria, Ankuendigungen dauern bis zu einer Stunde, wir koennen nichts mitbeten oder mitsingen, auf der Empore quasseln die Jugendlichen lauthals, in kurzen Pausen stroemen immer mehr Menschen nach und so wir verlassen die Kirche nach einer Dreiviertelstunde in die staubige Sternennacht.

Es war ein merkwuerdiger und doch schoener Tag, an dem wir europaeische Traditionen gepflegt haben und einen verschneiten Weihnachsabend in die staubige Waerme Afrikas getragen haben.

Verfasst von: weltensehen | 2. Januar 2009

Fremd ist alles: Mubi

Mubi
18.-28.12.
k1024_p10900071(Katrin und Stanislaus) Afrika ist mir nach vier Wochen noch so fremd wie zu Beginn, nein, es ist mir fremder. Die Bilder kannte ich alle: Jeeps auf Buckelpisten, unterernaehrte Kinder mit grossen Baeuchen und Fliegen, die in den Augenwinkeln die Traenenflussigkeit trinken. Mechaniker, die am Strassenrand gesprungene Windschutzscheiben naehen oder Reifenprofile nachschnitzen. Ich hatte Chinua Achebe und Henning Mankell gelesen und in den Zeitungen von jenen monstroesen Projekten der Big Man, die ihre Laender aus einer Hoteletage in der Schweiz zu Grunde regieren und nebenher eine Kopie des Petersdoms in die Wueste stellen. Mir war auch klar, dass das Lesen die Erfahrung nicht ersetzen kann, sonst haetten wir diese Reise nicht begonnen.

Zehn Tage haben wir bei unseren Freunden in Mubi verbracht, fast alle in der Stadt selbst, kaum unterbrochen von Ausfluegen. Von einem Standpunkt aus haben wir einen Ort kennengelernt und beobachtet und hingehoert. Vieles hat sich verdichtet zu einem immer unverstaendlicheren, konfusen Knaeuel aus sich der Logik entziehenden Faeden. Anderes, die Armut, hat uns erst getroffen und dann haben wir sie kaum noch wahrgenommen, weil es fast nichts anderes gibt. Wenn ich eine Reportage las, dann wurde meistens ueber einen Aspekt geschrieben und nun sind wir hier und werden ergriffen von so vielen Facetten des Lebens, dass wir ueberrollt werden.

k1024_p10908771Es beginnt bereits mit unserer Ankunft, fuenf Wochen waren die Freunde auf Reisen gewesen, doch bald schon liegen die Nerven blank. Die Waschmaschine laeuft nicht, weil der Generator nicht richtig geht, der Wassertank auf dem Dach des Schuppens laueft ueber und ueberschwemmt die Geraete, am Abend stellen wir fest, dass die Solarbatterie, letzter und oft benoetigter Rueckhalt, kaum noch Leistung bringt. Das Licht faengt an zu blinken und verlischt, wir sitzen im Dunklen, zuenden Kerzen an, gehen schlafen. Auf den staatlichen Stromanbieter Nepa ist hier kein Verlass, gelegentlich blitzen die Indikatorlampen auf und verloeschen wieder. Weil die Spannung meist viel zu gering ist, geht das Licht aus, wenn wir den Kuehlschrank anmachen. Manche Leute schliessen zwei Phasen zusammen, damit aus zweimal 60 Volt wenigstens 120 werden. Das geht nur gut bis der Stromanbieter ploetzlich die richtigen 220 Volt zusammenbringt. Gluecklich, wer dann nur Gluehbirnen betreibt, die einfach durchbrennen oder einen Regulator besitzt. Bis zu acht Tagen am Stueck ist hier schon der Strom ausgefallen, schwierig, wenn die Arbeit fuer die Kirche darin besteht, am Computer Lehrmaterialien und Buecher zu schreiben. Gibt es nachts um drei Uhr Stromeinfall steht der Programmleiter auf und schmeisst den Drucker an. Nepa bedeute ‘Never expect power again’ sagen die Leute hier dazu und lachen dabei. Vor kurzer Zeit hat sie sich in PHCN umbenannt, aber auch da liess eine neue Bedeutung nicht auf sich warten: ‘Please hold candle near!’

Der Morgen bringt neue Freuden, denn die von mehreren Familien gemeinsam gekaufte Kuh, die den Weihnachtsbraten liefern soll, ist nicht angebunden und frisst die Setzlinge der Mangobaeume, waehrend die Truthaehne in das Basilikum pissen. Immerhin sind die Steine an der Einfahrt schoen weiss angemalt worden, damit man sie im Dunkeln besser sieht, denn die gesamte Nachtbeleuchtung auf dem Gelaende ist durchgebrannt.

Leider gibt es bei der Bank tagelang kein Geld, das Computersystem geht nicht, der Drucker streikt, der Zustaendige ist nicht da. Unsere Neira gehen zur Neige und so tauschen wir auf dem Schwarzmarkt irgendwo in einer Holzbude in einer Marktstrasse zwischen Saecken mit Mehl, Hirse und billigen chinesischen Taschenlampen unsere letzten Dollar. Fuer einen grossen Schein gibt es einen besseren Kurs als fuer die Kleinen, selbst 100 Mark werden uns noch gewechselt, in umgerechnet 20 Euro. Wir staunen, wieviele dicke Buendel mit Nairascheinen der scheinbar arme Mann aus irgendeinem Winkel in der Huette zieht.

k1024_p10807241Praktisch nichts im alltaeglichen Leben funktioniert richtig, voellig unabhaengig davon, ob es in der Verantwortung des Staats, der Industrie, der Kirchen oder jedes Einzelnen liegt. Da werden Strassen bezahlt aber nicht gebaut, neu errichtete Kirchendaecher stuerzen ein und Schlangenbisse werden erst behandelt, wenn das Serum bezahlt ist. Weder Strom- noch Wasserversorgung funktonieren ansatzweise, die Strassen sind miserabel und den Krankenhaeusern fehlt es am Noetigsten. Vieles mag an der Korruption liegen, an der ungeheuren Bereicherung einiger, denn Nigeria ist einer der groessten Erdoelproduzenten weltweit und wohin das Geld fliesst, mag keiner sagen. Doch auch im Kleinen finden wir oft wenig Verantwortung fuer die Gemeinschaft. Eine Erklaerung ist, dass jeder nach seinen Mitteln Familie und Anhang unterstuetzt und alimentiert. Auch dann, wenn er weit entfernt wohnt, fliessen Geld und Aufmerksamkeint dorthin. Auch die Zerstoerung von Traditionen durch Kolonisation, Mission und Unabhaengigkeit, Vermischung der Ethnien, religioese Spannungsfelder zwischen Islam, Christentum und Animismus spielen sicher eine Rolle. Kein Land gewaehrt in wenigen Wochen einen tiefen Einblick, aber nirgendwo blieben wir so auf der Oberflaeche haften wie hier. Wir sehen die Phaenomene, aber wir finden keine auch nur halbwegs stringente Erklaerung.

Verfasst von: weltensehen | 27. Dezember 2008

Landweg nach Nigeria

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(Katrin) Das Auto ist bis oben hin vollbepackt als wir in der Daemmerung den Compound der Baptisten in Maroua verlassen. Was noch an Luecken blieb, ist gefuellt mit Sachen, die es in Mubi/Nigeria nicht gibt: Butter, Puderzucker, Kaese. Noch ist es dunkel und kuehl, aber hinter den Huegeln geht im staubigen Morgenlicht bereits die Sonne auf. Obwohl wir die Teerpiste Richtung Norden schon kennen fahren wir an der richtigen Abzweigung vorbei: Kein Schild, nicht einmal die Strasse laesst erkennen, dass es hier zu einer grossen Stadt geht, in der es freilich keine Teerstrassen gibt und die Menschen mit ihren Ziegen, Huehnern und Kuehen in Lehmhuetten hinter Lehmmauern leben. Wir fragen uns durch zur Buckelpiste nach Banki, zum Grenzuebergang nach Nigeria. Nur 20 Kilometer sind es dorthin, fuer die wir mehr als 90 Minuten brauchen. Die Piste ist nicht von Schlagloechern uebersaeet, sie „ist“ Schlagloch. Wir eiern und kurven durch den Sand, weichen auf parallele Spuren neben der „Strasse“ aus, setzen auf. Immer wieder begegnen wir Lastern mit UN-Hilfslieferungen, die mit Kanistern beladen wie riesige Raupen kaum im Schritttempo durch die brennende Sonne kriechen: Die Strasse ist eine der Hauptverbindungen in den Tschad. Nicht allen Fahrern gelingt es, die Loecher erfolgreich zu durchfahren, umgekippte LKWs liegen ratlos bestaunt oder schon verlassen im niedrigen Gestraeuch der flachen Landschaft.

k1024_p1080361Fuer die Ausreisestempel muessen wir zunaechst die Polizeistation finden. Dort laeuft laermend der Fernseher, in einer Ecke am Boden liegen im Halbdunkel mit Handschellen gefesselt reglos drei Maenner. Nach endlosen Formularen bekommen wir schliesslich die erforderlichen Stempel und das Formular fuers Auto. Abermals fragen wir uns durch. Nichts laesst darauf schliessen, wo es zum Grenzuebergang ins Nachbarland geht, die Wege sind ueberall gleich schlecht, von Menschen, Muell und Tieren gesaeumt. Schliesslich erreichen wir doch einen Schlagbaum, ein paar niedrige Betonbaracken mit herumlungernden Maennern und das Schild „Federal Republic of Nigeria“. Alle Daten werden hier mit der Hand uebertragen, von Polizisten, denen es kaum gelingt, unsere Paesse zu lesen: Wir helfen ihnen, buchstabieren vor, sind natuerlich einverstanden, dass wir alle aus Freiburg kommen und alle Lehrer sind, so muessen nur Haekchen gesetzt und keine neuen Worte abgemalt werden. Nur als der Posten mich fragt, was denn Magdalena beruflich mache, die mit ihren 2 Jahren neben uns steht, muss ich ihm doch erklaeren, was „Profession“ eigentlich bedeutet.

k1024_p1080368Unser einfaches Picknick essen wir in der Stadt, umringt von 50 Kindern, was sollen wir tun? Auf dem Land zu pausieren ist zu gefaehrlich, nach 5 Stunden Fahrt muessen wir mal aus dem Wagen. Da sitzen wir mit Toastbrot, Tomaten und einer halben Avokado und fuehlen uns wirklich ganz weit weg.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit, nach 11 Stunden Fahrt und 21 Polizeikontrollen erreichen wir Mubi, wo unsere Freunde seit einem Jahr wohnen. Wir haben uns nicht viel vorgestellt unter dieser Stadt mit 400.000 Einwohnern, finden aber noch weniger als das: Staub, Staub, Baracken, ein rotes Blechtor, wir fahren in den Compound, kommen an, fallen in die Betten, auf den Kopfkissen einen rotgelben Kreis hinterlassend, Sand aus der Sahara.

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