28.-31.12.
(Katrin) Wir nehmen Abschied von Mubi, fahren fast zehn Stunden mit Jan im Auto die 600 Kilometer nach Jos. Von 19 bis 6 Uhr herrscht in der Stadt absolute Ausgangssperre: Nur einen Tag nach dem Terror in Bombay waren Ende November bei Unruhen nach Wahlen offiziell 500, die Missionare schaetzen aber eher 1000 Menschen umgekommen. In Nigeria leben 140 Millionen Menschen, etwa zu gleichen Teilen Christen und Muslime, genau weiss das niemand. Das Maechteverhaeltnis sind labil und schnell wirft die eine religioese Gruppe der anderen Wahlfaelschung oder Gewalt vor. Mehr als ein Dutzend Moscheen und Kirchen wurden niedergebrannt, die Leichen wegen der Seuchengefahr erst in den Gebetsstaetten gestapelt, dann schnell beerdigt, noch immer suchen Angehoerige nach Vermissten, die sie nicht mehr finden werden. Die Welt hat das Massaker kaum registiert und auch wenn die Zeitungen titeln, die Anfuehrer wuerden gesucht und gerichtet, so scheint das doch unwahscheinlich, denn jeder erzaehlt eine andere Geschichte vom Ausbruch des Mordens und seinen Verursachern.
Wir nehmen Quartier in der Missionsstation eines weniger betroffenen Viertels, fahren im Auto ein paar Strassenzuege entlang, an welchen selbst vier Wochen nach der Krise, wie man sie hier nennt, hunderte verbrannter Autos, Busse, LKWs stehen. Ein Gebrauchtwagenhaendler fuer Feuerwehrautos hat seinen gesamten Fuhrpark verloren, ausgebrannt und verloren stehen die Ruinen hinter der Mauer des Parkplatzes. Wie so oft nehmen wir nur die aeusserliche Seite der Katastrophe war, von den einzelnen Schicksalen hoeren wir wenig: Der Sohn der Hausalehrerin ist seit der Krise verschollen, der Vater mit den Kindern wollte noch jemanden suchen, eine Freundin wird vermisst, der befreundete Kollege ist nicht zur Arbeit zurueckgekehrt. Die Stadt traegt Trauer und lebt doch geschaeftig weiter. Am Stadtrand lagert das Militaer, es kontrolliert die Stadt, in sechs Wochen soll es abziehen: Wir haben alles im Griff, sagen die Soldaten, es ist wieder ruhig, doch niemand weiss wie lange.
Am letzten Tag des Jahres nehmen wir Abschied von Jan. Der Flughafen von Jos ist winzig, einmal am Tag geht eine Maschine nach Lagos und zurueck, in der Regel mit zwei bis drei Stunden Verspaetung. Wir laufen im letzten staubigen Licht der Subsahara ueber die Rollbahn. Ein Flughafenarbeiter in leuchtend gelber Jacke will unbedingt ein gemeinsames Foto, andere gesellen sich dazu, es dauert ein bisschen. Irgendwann reicht es dem rumaenischen Kapitaen, koennen wir dann vielleicht abfliegen bitte? ruft er aus dem Cockpitfenster. Fuenf Minuten spaeter sehen wir unter uns die Berge und Felder, in der Ferne die Stadt, weit weit dahinter wissen wir unsere Freunde. Es ist ein langer Weg nach Mubi, es ist fast das Ende der Welt fuer einen, der aus Europa kommt.