Herzlich Willkommen!
(Stanislaus) Unsere Reıse hat am Mıttwoch. dem 23. Julı begonnen. Mıt dem Zug sınd wır ın den letzten Tagen über München, Wıen, Belgrad und Sofıa nach Istanbul gefahren.
Schwaebısch Gmünd
Eıne Wohnung für eın halbes Jahr zu verlassen ıst eın merkwürdıg endgültıges Gefühl. Das merke ıch beım Kühlschrankabtauen und Hussen überzıehen.
München
Ich bın nıcht gut ım Verabschıeden, weıl ıch zu rührselıg bın.
Wıen
Eınen halben Tag werden wır von eınem guten Freund durch dıe Stadt geführt: durch Kaffeehaeuser, so es noch schoene gıbt, durch Buchhandlungen, um dıe Reıselektüre aufzustocken, zu eınem Beısl schlıesslıch, wo wır Blunzengroestel und Schnıtzel essen, bevor wır ın den Nachtzug nach Belgrad steıgen.
Mıtten ın der Nacht wache ıch auf, weıl der Zug haelt. Nıchts tut sıch ın den naechsten 10 Mınuten. Ich stehe auf und fınde den Schaffner halb eıngenıckt und zusammengesunken ın seınem Abteıl. Was tun wır hıer?
‘Was wır tun? Jetzt woat ma auf dıe Serbn.’
Belgrad
Der Bahnhof von Belgrad ist nicht ohne Charme und es gibt guten, tuerkischen Kaffee und problemlos ein Nachtzugticket nach Sofia. Wir lassen uns durch den Tag und die Stadt treiben.
Der Eingang zur Festung ueber der Donau wird beideitig gesaeumt von Artillerie aus dem letzten Jahrhundert. In langen Reihen stehen immergleiche gruengraue Geschuetze, dutzende Granatwerfer, Moerser. Sorgsam werden sie gepflegt und restauriert.
Vor dem Militaermuseum steht ein amerikanischer Hummer, zerschossen und verbrannt und ich muss an die Rettungsaktion eines ihrer Piloten der Amerikaner im Bosnienkrieg denken, als es den Serben gelungen war, ein Kampfflugzeug abzuschiessen. Im Museum wollen wir nur Haende waschen: Der Weg zu den Toiletten fuehrt vorbei an Vitirinen mit Munition, zerbeulten Blechen als Souvenirs aus siegreichen Schlachten und einer handgemalten grossen Karte, die mit dicken bunten Pfeilen zeigt, wie die Flugzeuge der Nato aus allen Regionen der Welt kamen, um das kleine Serbien zu zerstoeren.
Die Fussgaengerzone: Westen. Nachmittags sehen wir ploetzlich, wie Polizisten, mit Schlagstoecken und Schutzschildern versehen, eine der der grossen Strassen beziehen: Zu hunderten stehen sie in Reih und Glied und warten auf eine Demonstration. Erst wenige Tage ist es her, dass Karadzic verhaftet wurde und nun treffen sich Unverbesserliche, um fuer seine Freilassung zu kaempfen, aber, so die Polizei: Er werden nur ganz wenige kommen. Wir koennten ja gerne warten und zugucken. Ob am Kiosk die Anstecker mit Karadzic und Milosevic entfernt wurden oder ausverkauft sind, wissen wir nicht. Tito aber ist noch zu haben.
Spaeter treffen wir eine Bekannte, eine belgrader Kuenstlerin. Sie ist offen, neugierig und kundig. Als wir nach einiger Zeit auf das Thema der Verhaftung und des Krieges kommen, wird sie aber recht schnell reseviert: Sie sei ganz und gar unpolitisch, nein, Politik interessiere sie gar nicht. Dass Karadzic verhaftet wurde scheint sie zu nehmen wie das Verhoehr eines Steuerhinterziehers, nur die Unabhaengigkeit des Kosovo, bitte, hier handle es sich dann doch um serbisches Urgebiet, es sei zu komplex, uns das zu erlaeutern.
Im heftigesten Regen des Jahres essen wir unter einer weiten Markise im Daemmerlicht die unvermeidlichen Fleischberge des Kosovo.
Unser Zug faehrt verspaetet ab. Aus der Sicherheit und Behaglichkeit des Abteils beobachten wir Reisende, die im milden Licht sitzen und ihre eigenen Reisen planen. Nach Sofia bringt uns ein alter deutscher Nachtzug aus Holzimitat, mit Kleiderbuegeln, kleinen Leselampen und fliessend Wasser im Abteil. Traege holpern wir aus Belgrad, immer wieder tauchen Slums auf, vor denen Autos stehen, wie ich sie aus Georeportagen der 80er Jahre kenne: Aus unterschiedlichsten Teilen zusammengesetzt, vernaeht oder ganz ohne Huelle, nur aus Motor und Raedern bestehend. Die Landschaft an unserer Strecke ist ganz ohne Reiz und sooft ich auch in der Nacht aufwache und gucke, aendert sich das nicht.
Sofia
Am naechsten Morgen fabelhaft der Bahnhof von Sofia: Gigantisch, sozialistisch, blitzsauber. Ein Relief von sicher 300qm ruft zum Aufbruch in bessere Zeiten die laengst vergangen oder eingetreten sind, freilich unter anderen als den geplanten Vorzeichen. Der Nachtzug nach Istanbul ist ausgebucht, vielleicht bekommen wir ein Ticket, wenn wir abends erneut fragen. Im Bahnhof sitzen die Wartenden auf langen Holzbaenken und essen Sandwich mit viel Brot und rosa Wurst oder dicke Kringel aus Hefeteig.
Den ganzen Tag wandern wir durch die Stadt, sehen die ersten Geschaefte, die Reis und Linsen aus grossen Saecken verkaufen, verbringen eine Weile im Cafe und beobachten das Treiben auf einem Platz. Schliesslich fahren wir mit der Tram durch die ganze Stadt zu einer Endstation, wo die Bahn, nachdem wir durch einen Speckguertel aus Neubauten gekommen sind, in einer weiten Schleife durch hohes Gras wendet.
Zu sehen gibt es wenig: Ein Museum mit Bildern finster dreinblickender Herrscher vergangener Jahrhunderte und die riesige orthodoxe Kathedrale, vor der Flohmarkthaendler Zigarettenetuis, Stifte, Kameras, Briefbeschwerer und Klapptassen, saemtlich mit Hakenkreuz appliziert anbieten, in Mengen, als sei hier ein Outlet fuer faschistische Devotionalien. Dazwischen Hupkonzerte und die Zurschaustellung neu gewonnenen oder behaupteten Reichtums durch die unzaehligen Hochzeitgesellschaften, die vor den Kirchen warten, sich auf oeffentlichen Plaetzen fotografieren und filmen lassen und in langen Limousinen durch die Stadt brausen.
Nein, der Zug sei keineswegs ausgebucht, heisst es am Abend und nachdem wir in aller Ruhe unsere Verpflegung fuer die lange Fahrt eingekauft haben, muessen wir doch rennen: Wir haben uns zwar gewundert, dass das archaeologische Museum schon geschlossen war, daraus aber nicht geschlossen, dass sich inzwischen die Zeit um eine Stunde verschoben hat!
Die Naechte im Zug werden schon fast zur Gewohnheit. Nur die nebuloesen Prognosen, zu welcher Zeit die naechste Grenze passiert werde und was dort von uns erwarte, stoeren den Schlaf. Diesmal werdem wir morgens um zwei durch lautes Klopfen geweckt. Die tuerkische Grenzpolizei legt ganz offensichtlich wert auf persoenliches Erscheinen und so stellen wir uns fuer den Empfang des Einreisestempels in eine lange Schlange auf den dunklen Bahnsteig.