Verfasst von: weltensehen | 23. Mai 2009

Am Ende steht hoffentlich eine neue…

… Reise!

Liebe Leser, wir sind längst wieder in Deutschland! Aber auch wenn wir uns in der Heimat gelegentlich wie verreist vorkommen, behalten wir unser Kopfschütteln jetzt erstmal für uns. Schließlich weiß man nie, wer das hier alles so liest..

Reisezeichnungen findet Ihr unter www.linienfahrten.net. Kann man übrigens auch kaufen! Viel Spaß beim Stöbern in unseren alten Reisegeschichten wünschen Euch Eure
Katrin und Stanislaus

Verfasst von: weltensehen | 13. Januar 2009

Heimkehr

7.-13.1.
(Katrin und Stanislaus) Noch einmal gehen wir am Morgen an den Strand, geniessen die Waerme, den heissen Sand, das eiskalte Wasser des Atlantik, das wunderbare, gleissend klare Licht der Stadt und versuchen, wie eigentlich schon seit Tagen, innerlich Abschied zu nehmen von unserer langen Reise, es gelingt nicht.

Am spaeten Nachmittag heben wir mit ab, in jedem Sitz ein Display, 600 Filme, 30 Videospiele, 50 Musiksender. Beim Landeanflug auf Dubai liegt die Stadt im Daemmerlicht unter uns, auf den Strassen schiebt sich in endlosen Lichterschlangen der Berufsverkehr. Die Zeit bis zum Weiterflug verbringen wir „Chez Paul“ unter kuenstlichen Baeumen, auf denen echte Voegel unter dem Glasdach der Wartehalle zwitschern und ein Kaffee 6 Dollar kostet. Ein junger Bayer erzaehlt, er habe nun drei Wochen „Afrika gemacht“ und sich „Souveniers ohne Ende geholt“ und schmerzlich werden wir uns der Naehe zur Heimat bewusst und der Tatsache, dass es da zwar selten fremd, aber durchaus befremdlich sein kann.

Doch erst als der Bordfernseher im Anschlussflug nach Frankfurt nicht mehr mit einem kleinen Pfeil die Richtung der Kaaba anzeigt, damit das Mittagsgebet ordnungsgemaess erfolgen kann (was bei unserem kurvigen Flug allerdings ein gewisses Mass an Aufmerksamkeit und Sportivitaet erfordert), stattdessen zu erkennen gibt, dass wir Bayreuth ueberfliegen, wird die Heimkehr fuer uns real.
Bei aller Traurigkeit: Eine weiss gezuckerte Landschaft, Sonnenschein und strahlend blauer Himmel, klares, kaltes, frostiges Wetter, wenn schon zurueckgekehrt werden muss, dann so.

k1024_p1110605Zu Hause empfangen uns die besten Freunde, die man sich wuenschen kann, mit Musik, Kuchen und einer warmen Wohnung. Noch zwei Tage leben wir aus den Rucksaecken, misten unsere uebervollen Schraenke aus, sitzen in der Kueche herum, weil uns die Menge der Dinge voellig ueberfordert und warten, dass unsere Seelen ankommen, die haengen aber noch irgendwo zwischen Mubi und Lagos herum, es geht ihnen dort gut.

k1024_p1110603Der erste Arbeitstag ist verwirrend und furchtbar anstrengend, ich habe meine Routine verloren, sehne mich nach Rucksack und Hotel. Am Dienstag gehen wir zum Mittagessen in unser altes Gmuender Stammlokal „Zu den drei Koenigen“. Die Damenrunde sitzt mit frisch gemachtem Haar bei Kaffee und Kuchen genauso, wie wir sie im Juli verliessen und ein Apfelschorle kostet noch immer einen Euro. Wir zaehlen unsere letzten Muenzen, denn die Plastikkarten, die uns in aller Herren Laender Geld verschafft haben, werden in der Heimat von den Automaten veraechtlich wieder ausgespuckt: Auf den Pfennig reicht unsere Barschaft fuer Linsen, Spaetzle und Apfelschorle und als es ans Bezahlen geht, sieht die alte Kellnerin unseren leeren Geldbeutel und bietet uns an: „Wenn sie noch ebbes Geld brauchet, behaltet Sie ruhig was! So gut kennet wir ons doch!“ Auf die Tageskarte hatte die Wirtin ein Zitat von Kokokscha gedruckt: “ Wer noch staunen kann, der wird auf Schritt und Tritt belohnt.“
Manches ist auch schoen, hier, zu Hause.

Verfasst von: weltensehen | 11. Januar 2009

Kapstadt

k1024_p11104035.1.
(Stanislaus) Es ist mir noch nie so schwer gefallen, eine Entgiftung zu machen wie im Kongo. Du darfst ja keinen Zucker essen, keine Schokolade, keine tierischen Produkte, nur ganz reines Gemuese und Obst und Vollkornmehl. Das war so schwer zu kriegen, also da im Kongo das war die teuerste Detox meines Lebens.

Aufgeregt berichtet die junge Deutsche aus dem Kongo, ihr zentrales Augenmerk stets auf ihre Entschlackung gerichtet. Mitfuehlend begleitet werden ihre Ausfuehrungen von einem Schweizer Journalisten in Auszeit, der sich die Buendchen seiner Socken aufgeschnitten hat, damit sie nicht spannen. Er wie auch seine Begleiterin, eine frisch geschiedene spirituelle Franzoesin um die 50 mit goldenem BMW, tragen das T-Shirt ihres Zen Meisters: Find peace in you and there will be peace in the world. Die Runde wird ergaenzt von einer wohlhabenden indischen Suedafrikanerin, die ihre Angestellten ganz toll behandelt. Jetzt z.B. ist sie mit ihrer schwarzen Maid aus Johannesburg gekommen, die Maid ist 65 und durfte zum ersten Mal fliegen, sie sitzt mit am Tisch, wird aber beflissentlich uebersehen, niemand kuemmert sich um sie, als ich sie anspreche, verschluckt sie sich vor Schreck am alten Gouda.
Eingeladen hat ein pensionierter Bassbariton, dessen grossen Zehen ueber die zweiten gewachsen sind, es sieht ein bisschen aus wie 30 Jahre in Lackschuhen, die Schoenheit erzwungen, doch jetzt sind Schlappen angesagt, kombiniert mit Wiener Charme aus alten Tagen und einem tuerkisenem Shirt aus dem Krueger Nationalpark. In Oranjezicht, einem teuren Viertel mit Blick auf Tafelberg hinten und Hafen vorne, huetet er das Haus zweiter alter Maenner auf Argentinentrip, schwere Moebel, dunkle Vorhaenge und 12.000 Buecher und aus staubigen Glaesern trinken wir kuehlen Weisswein, waehrend mal wieder die Sonne untergeht.

k1024_p1110416Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
und kehrt von hinten zurück.

Alle reden vor sich hin, alle wollen was sagen, niemand will was zuhoeren und so trinken wir uns auf parallelen Spuren durch den Abend.

Suedafrika eigne sich als letzte Station vor der Heimreise hatten wir gedacht, als Verbindungsglied zwischen Afrika und Europa, zwischen Pothole und Autobahn. Nun haben wir einen Kulturschock, denn in den inneren Bezirken ist Cape Town weiss, reich, westlich und es ist ganz egal, ob ich in Muenchen auf den Eisbach schaue oder hier an den Strand, die Surfer sind die gleichen. Die V&A Waterfront, der alte Hafen, ein Disneyland mit Malls und Rummel, Shark-diving, Heli-flying, Whale-watching. Fast bin ich froh, dass es uns schon hier erwischt, der ganze Ueberfluss, der Quatsch. Wir muessen Wasser kaufen, doch hier gibts keine Buden sondern einen Supermarkt, wir wollen beide nicht rein, einer muss, und als ich nach 20 Minuten wieder rauskomme, fragt mich Katrin, warum es so gedauert hat. Ich weiss nicht, ich musste mich zurechtfinden in den Fluren, ueberall lagen Lebensmittel in Bergen herum, ich musste stehenbleiben, mich orientieren, entscheiden ziwschen 20 Sorten Wasser, lass’ uns in unser Zimmer gehen und Pause machen.

Verfasst von: weltensehen | 11. Januar 2009

Lagos

k1024_p110075031.12.-2.1.2009
(Katrin) Im Dunst taucht die groesste Stadt des Kontinents auf, offizielle Zahlen sprechen von 14 Millionen Einwohnern, inoffizielle behaupten, die Stadt sei bereits auf das Doppelte gewachsen. Am Domestic-Airport stuermen dutzende Taxifahrer auf uns zu, heften sich an unsere Fersen und quatschen, was das Zeug haelt. Wir sind froh, dass wir uns bereits einen Fahrer organisiert haben, gilt Lagos doch als eine der gefaehrlichsten Staedte der Welt, niemand faehrt in diese Stadt, wenn er nicht Business zu tun hat, das Deutsche Auswaertige Amt raet von einer Reise ab. Unser Fahrer laesst allerdings erstmal eineinhalb Stunden auf sich warten, excuse me, der traffic, you know?! My name is easy life.

Wir verbringen den Silvesterabend auf einer trostlosen Party neben unserem Hotel. Sie hat ausschliesslich truebsinnig dreinblickende Maenner angelockt, die auf Handys herumdruecken und zum Whisky aus der Literflasche Fisch aus der Alufolio pulen. An ein Verlassen des Gelaendes bei Einbruch der Dunkelheit ist nicht zu denken, das Licht in unserem Zimmer noch nicht fertig montiert und deshalb gehen wir nach einer kuehlen Dusche, bei der uns die Armaturen in die Wanne plumpsen, um neun ins Bett und schlafen ins Neue Jahr.

k1024_p1100796Eine Fahrt durch die aelteren Viertel der Stadt im Neuen Jahr zeigt ein noch trostloseres Gesicht. Verstopfte, manchmal loecherige Highways fuehren durch Strassenfluchten groesstenteils zweistoeckige Gebaeude, durch Elendsviertel auf Stelzen in der Lagune vorbei, deren beissende Luft uns die Lungen aetzt. In verfallenden Stadtvierteln schieben sich die Menschen an den selbstgebauten Holzstaenden vorbei, fast ueberall gilt Aussteigen als gefaehrlich, aber wir wollen ja sowieso nicht. Nicht einmal das Botschaftsviertel auf Victoria Island, dessen Beschreibung im Lonely Planet annaehernd auf das Flair einer Grossstadt schliessen liess, ist modern oder elegant, hohe Zaeune, Stacheldraht, Kameras, Polizei. Das Goetheinstitut gammelt vor sich hin, sein Parkplatz heisst euphemistisch „Goethepark“. Eine frustrierende Stadt. Unter einer Bruecke halten wir zum Fotografieren an den Schnapsstaenden, steigen aus und werden sofort selbst von Polizisten um Geld angegangen: „Happy New Year! Give me money!“ Unser Taxifahrer ist souveraen und laesst sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen als eine Gang das Tor am Ende einer Strasse schliesst und fuer die Durchfahrt Geld fordert: Die Tueren bleiben verriegelt, durch einen Fensterspalt wird verhandelt.

Auf dem Weg zum Flughafen halten wir zur Verwunderung unserers Taxifahrers noch einmal fuer das koestlich gegrillte Fleisch ‘Soya’ am Rande der Strasse an, kurz vor Abflug faellt uns zu Ehren noch einmal komplett der Strom aus, sind alle Wartehallen und Geschaefte, die Cafes und Dutyfree-Shops ein letztes Mal ins Dunkel getaucht.

Verfasst von: weltensehen | 8. Januar 2009

Jos

k1024_p1100342328.-31.12.
(Katrin) Wir nehmen Abschied von Mubi, fahren fast zehn Stunden mit Jan im Auto die 600 Kilometer nach Jos. Von 19 bis 6 Uhr herrscht in der Stadt absolute Ausgangssperre: Nur einen Tag nach dem Terror in Bombay waren Ende November bei Unruhen nach Wahlen offiziell 500, die Missionare schaetzen aber eher 1000 Menschen umgekommen. In Nigeria leben 140 Millionen Menschen, etwa zu gleichen Teilen Christen und Muslime, genau weiss das niemand. Das Maechteverhaeltnis sind labil und schnell wirft die eine religioese Gruppe der anderen Wahlfaelschung oder Gewalt vor. Mehr als ein Dutzend Moscheen und Kirchen wurden niedergebrannt, die Leichen wegen der Seuchengefahr erst in den Gebetsstaetten gestapelt, dann schnell beerdigt, noch immer suchen Angehoerige nach Vermissten, die sie nicht mehr finden werden. Die Welt hat das Massaker kaum registiert und auch wenn die Zeitungen titeln, die Anfuehrer wuerden gesucht und gerichtet, so scheint das doch unwahscheinlich, denn jeder erzaehlt eine andere Geschichte vom Ausbruch des Mordens und seinen Verursachern.

Wir nehmen Quartier in der Missionsstation eines weniger betroffenen Viertels, fahren im Auto ein paar Strassenzuege entlang, an welchen selbst vier Wochen nach der Krise, wie man sie hier nennt, hunderte verbrannter Autos, Busse, LKWs stehen. Ein Gebrauchtwagenhaendler fuer Feuerwehrautos hat seinen gesamten Fuhrpark verloren, ausgebrannt und verloren stehen die Ruinen hinter der Mauer des Parkplatzes. Wie so oft nehmen wir nur die aeusserliche Seite der Katastrophe war, von den einzelnen Schicksalen hoeren wir wenig: Der Sohn der Hausalehrerin ist seit der Krise verschollen, der Vater mit den Kindern wollte noch jemanden suchen, eine Freundin wird vermisst, der befreundete Kollege ist nicht zur Arbeit zurueckgekehrt. Die Stadt traegt Trauer und lebt doch geschaeftig weiter. Am Stadtrand lagert das Militaer, es kontrolliert die Stadt, in sechs Wochen soll es abziehen: Wir haben alles im Griff, sagen die Soldaten, es ist wieder ruhig, doch niemand weiss wie lange.

Am letzten Tag des Jahres nehmen wir Abschied von Jan. Der Flughafen von Jos ist winzig, einmal am Tag geht eine Maschine nach Lagos und zurueck, in der Regel mit zwei bis drei Stunden Verspaetung. Wir laufen im letzten staubigen Licht der Subsahara ueber die Rollbahn. Ein Flughafenarbeiter in leuchtend gelber Jacke will unbedingt ein gemeinsames Foto, andere gesellen sich dazu, es dauert ein bisschen. Irgendwann reicht es dem rumaenischen Kapitaen, koennen wir dann vielleicht abfliegen bitte? ruft er aus dem Cockpitfenster. Fuenf Minuten spaeter sehen wir unter uns die Berge und Felder, in der Ferne die Stadt, weit weit dahinter wissen wir unsere Freunde. Es ist ein langer Weg nach Mubi, es ist fast das Ende der Welt fuer einen, der aus Europa kommt.

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